Als über 100 jähriger Wagen hat dieses Fahrzeug schon vieles über sich ergehen lassen müssen. Ursprünglich wurde er als Personenwagen AB3 2389 im Jahre 1903 für die erst 1 jährige Schweizerische Bundesbahn SBB gebaut. Die Suche nach dem Lebenslauf dieses Wagens war recht schwer. Er bekam innerhalb der ersten 100 Jahre seiner Existenz achtmal eine neue Nummer und auch die Bezeichnung änderte insgesamt sechsmal. Nun bietet er - ausgestattet mit Tischen und einem heimeligen Innenausbau - seinen Fahrgästen eine gemütliche Atmosphäre. Holzofen inklusive!

Nun aber der Reihe nach. Gebaut wurde er 1903 im Auftrag der SBB als Erstklass / Zweitklasswagen mit der Nummer AB3 2389, er entstammt der Serie AB3 2382 -2393. Der Radstand von 9 Metern lässt darauf schliessen, dass er nicht nach den Normen der SBB, die für den Personenwagenbau erlassen wurden (Radstand 9,2 Meter), gebaut wurde, sondern man beschaffte einfach die modernsten Wagen der Privatbahnen. Die ersten Wagen nach SBB-Zeichnungen wurden erst ein Jahr später abgeliefert.
Wir vermuten, dass es sich um den ältesten von der SBB beschafften Personenwagen handelt, welcher noch existiert. Es dürfte allerdings nicht mehr allzuviel von der Originalsubstanz erhalten sein.

Bereits im Jahre 1924 musste er einen einschneidenden Umbau über sich ergehen lassen. Dabei verlor er die Polsterklasse und wurde zum Holzbankbestückten 3. Klasse Wagen. Erstaunlicherweise durfte er dabei die Zwillingsfenster behalten und so wirkte er von aussen recht angenehm. Auf der gleichen Fläche der ursprünglichen 35 Sitzplätze wurden sage und schreibe 60 eingebaut. In den schwierigen Jahren des 2. Weltkrieges musste auch unser Wagen erneut Federn lassen. Um Stahl zu gewinnen wurde er vom 3-achsigen zum 2-achsigen Wagen umgebaut, verbunden mit der unweigerlichen Komforteinbusse. Die Bezeichnung und Nummer änderte in diesem Fall von C3 7439 in C 5820. Zwei Jahre vor dem Rückzug aus dem Personenwagen-Dienst erhielt er nochmals eine neue Nummer: C2 9343.

1954 war man bei der SBB endgültig zur Überzeugung gelangt, dass ein solcher Wagen nicht mehr geeignet ist um Fahrgäste zu behalten oder gar Neue zu gewinnen und hat ihn somit ausrangiert. Für zahlende Gäste nicht mehr zumutbar heisst noch lange nicht, dass es auch für das Personal zutrifft. In einem Drittel wurden die Bänke entfernt und eine Küche eingebaut. Die restlichen Sitzgruppen wurden mit Tischen ausgerüstet und so diente er bis zur erneuten Ausrangierung im Jahre 1984 als Rottenwagen.

Der Weg zum historischen Fahrzeug

Über mehrere Privatpersonen und Vereine gelangte er zur Eurovapor, die ihn der Kandertalbahn zuteilte. Diese Museumsbahn im süddeutschen Raum nahm ihn jedoch nie in Betrieb so dass man angesichts des sehr schlechten Zustandes den Abbruch des Wagens beschlossen hatte. In einem Protokoll der Vorstandsitzung der Eurovapor wurden wir auf dieses bevorstehende Ende aufmerksam und so beschloss ein Vereinsmitglied ihn zu kaufen und mit privatem Kapital zu restaurieren.

Anfänglich noch der Meinung den Wagen mit eigenen Arbeitsmitteln wieder in Betrieb nehmen zu können, wurden wir aber bald eines Besseren belehrt!
Im Jahre 2004 bot sich die Gelegenheit ihn mit einem Transport auf dem Schienenweg in die Tschechische Republik zu überführen. Quer durch Deutschland mit einer Höchstgeschwindigkeit von nur 40 km/h! Dort angekommen zeigte sich bald, dass es nur mit der radikalen Methode möglich ist ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Während in dem Werk ZOS in Ceske Velinice beide Längswände total neu gebaut wurden, der Rahmen sandgestrahlt wurde, zwei neue Pufferträger angefertigt und eingebaut wurden, ging es in der heimischen Werkstatt in Sulgen vor allem um den Innenausbau. Die gefertigten Tische und die aufgearbeiteten Bänke wurden, sobald sie fertig waren, nachgeliefert um sie in den fast neuen Wagen einzubauen.

Bei zahlreichen Besuchen in Südböhmen sahen wir nicht nur wie der Wagen zu „alter“ Blüte gedeihte, wir lernten auch eine für uns neue Gegend mit ihren Leuten kennen und schätzen.
Im Herbst 2007 war es soweit! Als Anhängelast, mit der Dampflok 52 211 des VVT, welche ebenfalls in diesem Werk zu neuem Leben erweckt wurde, kam er zurück in die Schweiz und dient uns fortan als Speisewagen. Der Innenausbau ist bis heute noch nicht ganz fertig. Eine Küche ist in Planung und dürfte, sobald es die finanziellen und zeitlichen Mittel zulassen zur Umsetzung gelangen.

Seine Ausstattungsmerkmale sind:
- 3 2-er Tische (maximale Ausnutzung: 4 Personen)
- 3 4-er Tische (maximale Ausnutzung: 6 Personen)
- Bartheke mit viel Stauraum
- Holzofen

Ein paar technische Daten
Bezeichnung C2 5820 «Thurgauer Stube»
Fahrzeugnummer NVR 55 85 89-03 103-5 CH-ev
Früherer Eigentümer Schweizerische Bundesbahnen SBB CFF FFS
Erbauer Unbekannt
Baujahr 1903
Länge über Puffer 14.2 m
Gesamtgewicht 20 t
Höchstgeschwindigkeit 80 km/h
Sitzplätze 30
Bremsgewichte R (keine Zulassung), P 20t, G -
Bremse Oerlikon
Zugelassen in CH
in Privatbesitz seit 2007

 Recherche, Text und Daten: J. Gröbli